Das Osterfest und sein Brauchtum 16

Der Osterhase
Wie der Weihnachtsmann, ist auch der Osterhase seltsam geschichtslos. Er tauch¬te plötzlich im Brauchtum auf und eroberte sich in den letzten Jahrzehnten einen Platz, der ihm in keiner Weise zukommt. Erwähnt wird er zum ersten Mal in der Abhandlung: »De ovis (ovibus) paschali- bus. Von Oster-Eyern« des Georg Frank von 1682. Dort heißt es (in der Übertragung von Lefftz): »… im Eisass und den angren¬zenden Gegenden nennt man diese Eier Ha¬seneier auf Grund der Fabel, mit der man Einfältigen im Geiste und Kindern weis¬macht, der Oster-Hase lege solche Eier und verstecke sie in den Gärten im Grase, in den Büschen und anderswo, damit sie von den Kindern zum Ergötzen der lächelnden Er¬wachsenen desto eifriger gesucht wer¬den. « Nach Lefftz weist allerdings Johann Fischart in seinem Jugendwerk »Aller Praktik Großmutter« (1572) schon auf den Osterhasen hin. Fischart gibt dort den Rat:
»Sorg nicht, daß dir der Has
vom Spieß entlauf,
haben wir nicht die Eier,
so braten wir das Nest!«
Nach Lefftz hätte diese Stelle »ohne Be¬ziehung auf den eierlegenden Osterhasen keinen Sinn«, was allerdings beim Sprich¬wortcharakter dieser Aussage nicht evi¬dent ist.
Während der Osterhase im 18. Jahrhundert noch einen bescheidenen Platz ein¬nimmt, wird er im 19. und erst recht in unserm Jahrhundert zu einem der bekann¬testen österlichen Brauchelemente. Moser weist (mit G. Korff) wohl zu Recht darauf hin, daß der Osterhase »in den Kondito¬reien und Zuckerläden wichtige Propagan¬dastationen« hatte. Heute steht er in allen erdenklichen Ausführungen spätestens vom Beginn der Fastenzeit an auf den Ladentischen.
Dabei hatte der Osterhase als »Eierleger« oder »Eierbringer« zunächst Konkurren¬ten. »Im bernischen Emmental, im Kanton Zug und teilweise im Kanton Luzern lie¬ferte sie der Kuckuck… In Thüringen auch der Storch. In Westfalen stellenweise der Fuchs. Auch die Glocken bringen sie mit, wenn sie von ihrer Reise nach Rom zu¬rückkehren.« In Holstein und Sachsen soll es der Hahn gewesen sein, der die Eier legte oder doch: brachte.
Wie der Hase zum Osterhasen wurde, ist schwer zu erklären. Die alte Symbolik des Hasen in der christlichen Ikonographie gibt dafür wenig her. Die Kirchenväter sahen im Hasen das Bild des schwachen und ängstlichen Menschen, der vom Teu¬fel und allen bösen Mächten gejagt wird und der sich vor den Verfolgern in den Felsen: Christus, Kirche… flüchtet. Bei einigen (Klemens v. Alexandrien) ist der Hase Bild der Fruchtbarkeit – aber auch der Unkeuschheit. Der Physiologus deutet die Tatsache, daß die Hinterläufe des Ha¬sen länger als die Vorderläufe sind, so, daß sich der Hase nur bergan flüchtend vor den Verfolgern retten kann. So soll der Mensch »bergan« (also Christus zu) streben, um sich zu retten. Läuft der Hase bergab, so überschlägt er sich und wird eine leichte Beute der verfolgenden Hun¬de. So wird es auch dem Menschen erge¬hen, der sich von Christus abwendet, um sich dem Irdischen (den Niederungen) zu¬zuwenden.
Auf fast allen alten Schöpfungsbildern finden wir den Hasen, vielleicht als Got¬tessymbol (was bestritten wird) – viel¬leicht als Bild des flüchtigen Menschen¬lebens oder als Symbol irdischer Frucht¬barkeit.
Sonst ist der Hase in der mittelalterlichen Ikonographie Symbol des Lichtes (eine Symbolik, die auch den »Hasenfenstern« verschiedener Kathedralen – wie in Pa¬derborn – zugrundeliegen dürfte) und Christussymbol, so unter anderem Sym¬bol der Auferstehung. Diese letztere Sym¬bolik geht wohl auf Ambrosius zurück, der im Hasen ein Symbol der Auferste¬hung sah »wegen der mit der Jahreszeit wechselnden Färbung«, eine Deutung, die allein auf den Schneehasen zutrifft, den Ambrosius wohl kaum gekannt haben dürfte.
Für die Verbindung von Ostern, Hase und Ei kann es zwei Gründe geben. Zunächst war der Hase das erste freilebende Tier, das schon im zeitigen Frühjahr (als viele Landschaften noch tief verschneit waren) Junge gebar (»Märzhasen«). So wurde er zum Bild des neuen Lebens nach der Win¬ternacht und damit zum Auferstehungs¬symbol, womit die Verbindung zu Ostern gegeben war. Vielleicht ist von daher das Amt des »Eierbringers« auf ihn überge¬gangen. Wahrscheinlicher ist, daß für die Ver¬bindung von (Oster-)Hase und Ei der Zinstermin Ostern (Gründonnerstag) maßgeblich war. Denn der Hase war – wie Brot, Geflügel, Eier… – eine der Realabgaben an die Besitzer der bäuer¬lichen Ländereien. Der Holzschnitt von 1479 belegt dies.
Der Osterhase hat heute das alte Oster¬symbol des Lammes fast ganz verdrängt. Das ist für Christen mehr als bedauerlich, da die Theologie des geopferten Lammes, auf die etwa das III. Hochgebet der Eu¬charistie hinweist: »Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat«, zu den grundlegenden Symbolaus¬sagen der Theologie gehört. Osterkerze (Osterfeuer) und das Osterlamm können uns wohl am ehesten das österliche Ge¬schehen »vor Augen« (und Herz) führen. Aber der Osterhase wird weiterhin das Feld beherrschen. So wird es wichtig sein, seine Symbolik deutlich zu machen (und dem Mißbrauch in den Gemeinden, so gut es geht, zu wehren). So sollte also der Hase wegen der frühen Geburten – oft noch bei Schnee und winterlicher Kälte – als Bild des (Auferstehungs-)Lebens ge¬deutet werden, das alle Winterkälte und Dunkelheit überwindet.

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